Wassergeburt
"Wo fühle ich mich wohl und geborgen? Was macht die Geburt leichter für mich?" Die Antworten auf diese Fragen spielen bei der Entscheidung. wo das Kind zur Welt kommen soll, für schwangere Frauen heute eine entscheidende Rolle.
Viele Kliniken haben investiert und das Angebot für werdende Eltern erweitert. Immer öfter wird bei der Führung durch die Entbindungsstation ein stolzer Schlenker in einen oder sogar zwei mit großen Wannen ausgestattete Räume gemacht ,,falls Sie Ihr Baby im Wasser bekommen möchten".
Vor einigen Jahren wurde dieser Trend von der Deutschen Gesellschaft für Perinatale (lat. für: rund um die Geburt) Medizin noch als gefährliche Mode-Torheit und sträflicher Leichtsinn verurteilt. Inzwischen haben die Mediziner ihre Ansichten gegenüber der Wasssergeburt revidiert. Allerdings erst, nachdem grünes Licht aus den eigenen Reihen kam.
Der renommierte Geburtshelfer Professor Dr. Peter Husslein aus Wien sollte auf einem Kongress einen Vortrag kontra Wassergeburt halten. Weil er sachlich und fair an das Thema heranging. informierte er sich in einer Klinik. in der diese Entbindungsmöglichkeit schon lange praktiziert wurde und gab seine Skepsis auf.
Er berichtete seinen interessierten Kollegen. dass ,,eine Geburt im Wasser nichts für alle Frauen. aber bei einer gesunden Schwangerschaft auch nicht potentiell gefährlich ist". Für Mutter und Baby bringe sie sogar einige beachtliche Vorteile. die über das reine Wohlgefühl hinausgingen. Was macht das warme Wasser so hilfreich und attraktiv für eine Frau in den Wehen?
Die heilende Kraft des Wassers wird doch in vielen medizinischen Bereichen genutzt". sagt die Münchner Geburtsvorbetreiterin Nicole Remy. ,,Und genießt nicht jeder gern ein warmes Bad, wenn er Stress, Anspannung oder Schmerzen loswerden will?"
Die Vorteile des Bades in der Eröffnungsphase der Geburt waren am wenigsten umstritten, werden aber erst seit es große, bequeme Wannen mit eingebauten Heizungsreglern gibt. ausgiebig genutzt.
Vom warmen Wasser umhüllt und getragen, können sich viele werdende Mütter bei der Wassergeburt deutlich besser entspannen. Der gefürchtete Teufelskreis ,.Angst-Spannung-Schmerz" entsteht gar nicht erst: Wo Frauen die wohltuende Wirkung des Wassers bei der Geburt genießen dürfen, ist der Bedarf an Schmerzmitteln drastisch zurückgegangen. Im angenehmen Schwebezustand in der Wanne haben viele Frauen ein empfindsameres Körpergefühl. Sie nehmen deutlicher wahr, wann das Baby im Bauch auf seinem wie eine Spirale gewundenen Weg nach draußen Hilfe braucht. etwa durch eine Änderung der Haltung.
Deshalb sollten Geburtswannen breit und tief genug sein und Bewegungsfreiheit bieten (aber natürlich auch Matten und Haltegriffe. so dass die Frau nicht ständig wegrutscht!).
Damit die werdenden Mütter im Wasser nicht ,,aufweichen", werden sie mit duftendem Öl eingerieben. Außerdem bleibt kaum eine Frau stundenlang im warmen Wasser. Viele werdende Mütter haben zu Beginn der Geburt einen großen Bewegungsdrang und gehen erst in die Wanne, wenn der Schmerz stärker wird. Sie wechseln öfter zwischen Aktivität und Entspannung, zwischen Wasser und Land.
,,Eine Geburt im Wasser kann man deshalb nicht fest planen", sagt der Pionier der Wasserentbindungen in Deutschland, Dr. Gerd Eldering vom Vinzenz-Pallotti-Hospital in Bensberg bei Köln, wo viele Schwangere in der Wanne entspannen, aber auch 250 bis 300 Babys pro Jahr im Wasser zur Welt kommen. ,,Manchmal will die Frau kurz vor der eigentlichen Geburt dann doch aus dein Wasser raus". weiß Dr. Eldering aus zehn Jahren praktischer Erfahrung mit der Wassergeburt. (So ging es auch der jungen Mutter, die wir auf diesen Seiten bei ihrer geplanten Wassergeburt im Kreiskrankenhaus Starnberg fotografiert haben.) ,,Viele Frauen setzen sich aber auch erst in die Wanne, wenn der Muttermund fast ganz geöffnet ist und die Geburt bevorsteht", sagt der Bensberger Chefarzt. In dieser Übergangsphase, in der die Wehen empfindlich schmerzen, finden viele Frauen durch die Konzentration im Wasser und gezielte Atmung wieder Rhythmus und damit Zuversicht. Der Kopf des Babys drückt in diesem Geburtsabschnitt unangenehm auf das Steißbein. Das warme Wasser hilft, die Knochenverbindungen und die Muskeln des Beckenbodens zu dehnen. So geben sie dem Druck des Kindes leichter nach. Das Pressen fällt fast immer leichter und kostet die Frau viel weniger Kraft bei der Wassergeburt.
Kurz vor der Geburt wird die Wassertemperatur meist etwas zurückgenommenen (sie sollte nie über 37 und nicht unter 32 Grad liegen). Denn der werdenden Mutter ,,heizt" die Wehenarbeit ein. Sie bekommt noch einmal einen Adrenalinschub für die Wasssergeburt. der sie stundenlang wach und aufmerksam für ihr Baby hält (manchmal aber auch aus der Wanne springen lasst).
Auch für das Kind. dessen Kopf unter Wasser herausrutscht. sind ein paar Grad kühler besser. Die Befürchtung, ein Baby könnte ertrinken, ist unbegründet: Ein angeborener Reflex verhindert, dass es Luft holt, solange sein Gesicht mit Wasser bedeckt ist wie im Uterus auch.
Es kann eine Minute vergehen, bis mit der nächsten Wehe Schultern und Körper geboren sind, versorgt wird das Kind ja über die Nabelschnur. Dann wird es sofort in die Arme seiner Mutter gelegt und atmet das erste Mal.
Die Erfahrung zeigt, dass Babys eine Geburt im Wasser als besonders sanften Übergang genießen: Es ist warm, im Wasser sind die Geräusche gedämpft. die Schwerkraft zerrt noch nicht an dem zarten Körper: das über Stunden eingepresste Köpfchen und die Gliedmaßen können sich im warmen Wasser schonend ,,entfalten".
Viele Wasserbabys probieren staunend den Übergang in die andere Welt aus: Händchen vorsichtig aus dem Wasser, wieder rein, wieder raus, dann dasselbe mit den Füßchen. Unbegründet ist nach zehn Jahren Erfahrung mit Wassergeburten auch die Angst vor Infektionen oder heftiger Blutungen. Aber die Mediziner bleiben bei aller Offenheit für die Wünsche der Schwangeren dennoch vorsichtig.
Es wurde eine ,,Arbeitsgemeinschaft Wassergeburt" gegründet. Dr. Gerd Eldering hat den Auftrag, auftretende Komplikationen zu dokumentieren ,,Bis jetzt hatte ich allerdings überhaupt noch nichts zu tun!

